Als ich im März auf der Leipziger Buchmesse Lena Gorelik auf der Literaturbühne sah, war ich gleich angetan. Ein sympathischer Mensch, ein offener, freundlicher Blick und der Buchtitel "Alle meine Mütter". - Mein Interesse war geweckt, ich wollte unbedingt mehr erfahren.
Heute, am 3. Juni hatte ich die Gelegenheit das Interview von "Die Zeit" online mitzuverfolgen. Nicht ganz so schön, wie die Autorin selbst zu treffen, aber immerhin.
Volker Weidermann führte als Moderator und Interviewpartner durch die Buchvorstellung. Einer seiner ersten Sätze war, dass er zwar Fragen vorbereitet hatte, ihn bzw. "Die Zeit" aber so viele Fragen im Vorfeld der Lesung erreicht hätten, dass er von seinen Fragen Abstand nimmt und lieber unsere Fragen - also die der Zuschauer - stellen wird. Ein großartiger Zug. Und es ging auch gleich ans Eingemachte...
Und so erzählte Lena erst einmal darüber, wie das Buch entstand und während des Prozesses Form annahm. Der Wunsch war da, alle Mütter in dem Buch zu erwähnen. Mütter, die sind; Mütter, die zweifeln; Mütter, die gern länger Mütter wären. Es gibt so viele verschiedene Formen der Mutterschaft, sie alle zu erwähnen, wäre ein schier unendlicher Prozess. Also sollten dann aber zumindest alle Mütter genannt werden, die ihr sehr, sehr wichtig sind.
Wenn es um die Mutter geht, wird es immer einen Ticken emotionaler. "Ich muss noch zu meiner Mutter." - und schon ist die Stimmung mit Gefühlen angereichert. Die Stimmung wandelt sich sofort. Auch, die Frage, warum eine Frau nicht Mutter wird bzw. geworden ist. Allein schon, dass die Frage "Wie habe ich als Mutter zu sein?" förmlich immer im Raum steht. Alle haben eine Meinung dazu und äußern sie. Die gesamte Gesellschaft. Und oft auch ungefragt.
Wie aber lief die Recherche zu dem Buch?
Die schlichte Antwort darauf: unterschiedlich schwierig bzw. einfach.
Beispielsweise das Kapitel über die Mütter von Kindern mit Behinderungen. Lena erzählte einigen Menschen in ihrem Umfeld von ihrem Schreibprojekt und eben diesem Abschnitt. Und sofort kamen Angebote, ihr davon zu erzählen oder Bekannte oder Verwandte zu fragen, ob die sich bei ihr melden wollten. Es gab einen schier unerschöpflich wirkenden Bedarf, dieses Wissen zu teilen. Was bedeutet Muttersein mit einem Kind mit Behinderung?!
Dafür traf Lena bei der Arbeit zu einem anderen Kapitel nur auf tiefes Schweigen. In einem Teil des Buches beschäftigt sie sich mit Schwangerschaftsabbrüchen in der Sowjetunion. Statistisch hat in der Sowjetunion jede Frau 10-12 Mal in ihrem Leben abgetrieben. Jede Frau. In der Sowjetunion gab es dazu nur Schweigen. Die Angesprochenen hätten aber gern über ihre eigenen Mütter gesprochen. Nicht aber über ihre eigenen Schwangerschaftsabbrüche.
Wenn in der Sowjetunion Frauen irgendwo untergebracht waren, um etwas später wieder zu verschwinden, hieß es auf die Nachfrage, was sie hier machen, nur: "Die Frauen haben hier zu tun."
Wir sind sehr geprägt durch unsere Sozialisierung und was unsere Gesellschaft von uns erwartet. Der böse, vermeintlich kinderfreundliche Blick der Anderen, die genau wissen, was für dein Kind gut ist. Mütter zeigen sich als Mütter, selten jedoch als eigene Menschen, also eigenständig.
Alle meine Mütter ist durch zwei unterschiedliche Erzählweisen geprägt. Die Erzählweise über alle Mütter und die Erzählung aus der Ich-Perspektive. Die Ich-Erzählstränge waren nicht geplant. Tatsächlich wollte Lena sogar ihre Mutter als Person aus dem Buch heraushalten. Lenas Mutter ist während des Schreibprozesses an Brustkrebs erkrankt.
Während des Schreibens kam es Lena dann aber falsch vor, all die Frauen entblößt zu zeigen, ohne sich selbst zu hinterfragen. Und so entstanden die Ich-Erzählungen.
Wann hat Lena ihrer Mutter davon erzählt, dass sie selbst in dem Buch vorkommen wird?
Im letzten Drittel des Schreibprozesses hat Lena ihrer Mutter gesagt, dass sie selbst - also die Mutter - in dem Buch vorkommt. Und die Entgegnung ihrer Mutter lautete "Nichts anderes habe ich von dir erwartet."
Und dann zitierte sie mit einem Lächeln: "Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Schriftsteller in der Familie zu haben."
Als das Manuskript fertiggestellt war, hat Lenas Mutter es gelesen. Erst zweimal als Mutter, dann als Literaturstück. Was Lenas Mutter daraufhin geantwortet hat, ging mir direkt unter die Haut:
"Du hast kein Buch über mich geschrieben. Du hast ein Buch über uns alle geschrieben."
Schlussendlich kamen wir in der Runde noch zu der Frage, wie sich eine gute Mutter definiert. Und Lena sagte: "Eine gute Mutter ist eine Frau, die sich an sich selbst misst." In diesen Worten steckt - finde ich - viel Wahrheit.
Im Laufe des Lebens stellt Lena fest, dass ihre Mutter mehr richtig gemacht hat, als sie bislang angenommen hat. Es tut mir gut, dass andere Menschen es auch so erleben. Dieses sich an der Welt messen und die Vorgaben in Frage stellen. Ich finde, das gehört zu der persönlichen Entwicklung dazu. Genauso wie im Laufe der Reife die Beweggründe zu verstehen und einzuordnen.
Zum Schluss erzählt uns Lena noch davon, wie sie mit einer Mutter ins Gespräch kam. Die Mutter hat zwei Söhne, Zwillinge. Der eine Sohn ist erkrankt und behindert, der andere ist gesund und macht Abitur. In Gesprächen mit anderen Menschen wird diese Mutter immer nur nach dem gesunden Jungen gefragt, nie nach dem erkrankten Sohn mit der Behinderung.
Das bringt mich persönlich zu der Frage: Warum fällt es uns Menschen so schwer nach diesem Jungen zu fragen? Weil wir wissen, er wird nie ganz gesund sein? Weil wir fürchten, dass wir eine Antwort bekommen, mit der wir nicht umgehen können? Weil wir unser Gegenüber nicht verletzen wollen? Ich denke, es ist noch ganz viel Aufklärungsarbeit notwendig, um unsere Gesellschaft im Umgang miteinander menschlicher werden zu lassen. Die Wirtschaft und alles drumherum hat uns von uns selbst entfremdet. Aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag.
Für heute schließe ich meinen Bericht über die Buchvorstellung und Lesung mit Lena Gorelik und ihrem Buch Alle meine Mütter und hoffe, der Einblick hat euch gefallen.
Eure Connie von Lilis Lesemomente
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