Dienstag, 2. Juni 2020

Human has no color - Der Mensch hat keine Farbe


Die umstehenden Menschen in Minneapolis sind fassungslos, bitten die Polizisten um Hilfe. Machen die Polizisten auf das Leid von George Floyd aufmerksam. George Floyd liegt hilflos am Boden. Seine Worte "I can´t breathe" stoßen bei den Polizisten auf taube Ohren. George Floyd bettelt um sein Leben. Er kann nichts weiter tun. Er liegt auf dem Boden, das Gesicht der Straße zugewandt, verliert Blut aus der Nase und verliert bald auch die Kontrolle über seine Blase. Seine Mutter ist auf den Tag genau vor zwei Jahren gestorben. Bald wird er sie wiedersehen.

George Floyd ist an diesem 25. Mai 2020 46 Jahre alt. Drei Polizisten knien auf ihm, während er in Handschellen auf dem Boden liegt. Einer der Polizisten, Derek Chauvin, kniet minutenlang auf seinem Nacken. George Floyd findet damit seinen Tod. Es dauert ganze vier Tage, bis dieser Polizist auf energischen Hinweis des Bürgermeisters an den Bezirksstaatsanwalt angeklagt und verhaftet wird.

Am 26. Mai 2020 begannen Demonstrationen gegen Polizeigewalt und am selben Tag wurden die vier Polizisten aus dem Polizeidienst entlassen.

Das mehr als 10 Minuten lange Video geht um die Welt. Am 26. Mai 2020 hatte es bereits 10,2 Mio. Aufrufe. Der Polizeibeamte wusste, dass er gefilmt wurde. Er kniete weiter auf dem Nacken von George Floyd, unbeeindruckt. Eine arrogante, stolze Haltung.

Seit dem Todesfall Eric Garner am 17. Juli 2014 auf Staten Island gibt es die Parole "I can´t breathe" gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt. Das "I can´t breathe" von George Floyd war keine Parole. Er bekam keine Luft mehr.

Seit 1993 ist der Würgegriff der New Yorker Polizei ausdrücklich verboten.
Der Polizist Daniel Pantaleo hat sich daran nicht gehalten und am 17. Juli 2014 Eric Garner in den Würgegriff genommen und gehalten, selbst als dieser schon von weiteren Polizisten festgehalten wurde.
Am 16. Juli 2019, fünf Jahre später, teilte nun das US-Justizministerium mit, dass es gegen keinen der bei dem Tod von Eric Garner involvierten Polizisten juristisch vorgehen wird.
Daniel Pantaleo soll zuvor bei zwei weiteren Festnahmen brutal und rassistisch motiviert vorgegangen sein.
Garners Mutter trat nach dem Urteil an den Polizeichef von New York City heran. Nach Anraten der behördeninternen Richterin wurde Pantaleo schließlich am 19. August 2019 aus dem Polizeidienst entlassen.

Ich hoffe, dass dieser unnötige Tod von George Floyd nicht sinnlos bleibt. Während ich um den Tod, das Leid, die Qual so vieler Menschen weine, die von einer Minderheit zu einer hilflosen Minderheit abgewertet wurden und so viel durchleiden mussten, denke ich, wie recht Antoine de Saint-Exupéry doch hat: "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" "One only sees well with the heart, the essential is invisible to the eyes".

Bitte macht, dass die Menschheit nicht erblinden muss, um mit dem Herzen zu sehen, um festzustellen, dass kein Mensch menschlicher ist als ein anderer Mensch. No human being is more human than another human.

#blackouttuesday #blacklivesmatter


Dienstag, 19. Mai 2020

Belladonna - Karin Slaughter


Belladonna
Harper Collins bei Lübbe Audio
Autorin: Karin Slaughter
ISBN 978-3-96108-109-7
gelesen von Nina Petri
ungekürzt auf 2 MP3-CDs
763 Minuten - 160 Tracks





Mit Belladonna gelang Karin Slaughter vor fast zwanzig Jahren der Durchbruch als Autorin im Thriller-Genre. Es ist der erste Roman, der von ihr veröffentlicht wurde.
Nun gibt es eine Neuauflage des Thrillers. Das Original erschien 2001 unter dem Titel Blindsighted und wurde 2003 in Deutschland unter dem Titel Belladonna herausgegeben.

Neu eingelesen wurde das Buch im Hörbuchformat von Nina Petri. Mir gefiel besonders an diesem Hörbuch, dass Nina Petri das Buch tatsächlich vorgelesen hat und nicht einem Hörspiel gleich inszeniert hat. Belladonna kommt ganz ohne fremde Interpretation aus und ist von Karin Slaughter mit einer unvergleichlichen Spannung geschrieben.




Unvergleichlich ist auch die Brutalität und die Klarheit, mit der die Szenen beschrieben werden. Die Angst der Menschen, die Emotionen der Charaktere und deren überlagertes Handeln, das manches Mal im krassen Gegensatz zu den Gefühlen steht. Dennoch bleiben die Charaktere authentisch und haben einen hohen Wiedererkennungswert.

Karin Slaughter nutzt die Worte in ihrem klaren Schreibstil gnadenlos und brutal. Selbst bei den Szenen während der Autopsie hatte ich das Gefühl, neben der Protagonistin zu stehen und zu sehen, was sie sieht

"Die Gedärme lagen schlaff in ihren Händen, wie nasse Nudeln, als sie sie aus der Bauchhöhle hob." -  Kapitel 17, Track 104

oder wie es sich für sie anfühlen mag

"Eine Leiche zu öffnen war wie ein Buch aufzuschlagen." - Kapitel 17, Track 101

Und auch bezüglich der Tat, der Vergewaltigung, des Gewaltaktes, nimmt Karin Slaughter kein Blatt vor den Mund. Manches Mal habe ich die Augen geschlossen, während die Worte auf mich einwirkten. Doch auch das konnte das Geschehen nicht vor mir verborgen halten. Nina Petri las weiter und ich erfuhr, was dem Opfer widerfahren sein musste.

Die Spannung erfährt einige Lockerungen während ich die Charaktere besser kennenlerne, zieht kurz darauf aber gleich wieder an und steigert sich zum Schluss immens, als ich dem Täter auf die Spur komme. Mit einem überraschenden und nachvollziehbaren Ende lässt mich Karin Slaughter nachdenklich und ob der Brutalität fassungslos zurück.


Dabei fing die Geschichte recht beschaulich an.

Ich lerne anfangs die Schwestern Sara und Tessa kennen. Tessa ist Klempnerin und geht ihrem Vater zur Hand. Auf dem Lieferwagen steht Linton & Töchter. Doch Sara hatte andere Pläne. Sie hat Medizin studiert und arbeitet als Kinderärztin und Gerichtsmedizinerin. Als Coroner trifft sie auch immer wieder auf ihren Exmann Jeffrey Tolliver, den Polizeichef in dem beschaulichen Ort Heartsdale.

Es klingt zunächst für mich, als könne es gar nichts Schlimmeres in dem Örtchen geben, als nicht in die Fußstapfen des Vaters zu treten und geschieden zu sein.

Bei dem Treffen der Schwestern im Diner findet Sara die Collegeprofessorin Sibyl Adams schwer verletzt auf der Damentoilette. Sie versucht alles um ihr Leben zu retten, scheitert letztendlich aber. Mit den Worten "Ich brauche Dich" ruft sie ihren Exmann Jeffrey zum Tatort.


Fazit


Dieser Thriller ist für alle, die mit einem unbeschönigten und sehr bildlich beschriebenen Tathergang und dessen Folgen umgehen können. Ein Thriller, den ich nicht aus der Hand legen konnte und der mich auch Tage später noch beschäftigt.



Montag, 18. Mai 2020

Sagenhaft - Gebannte Gefühle - Natalie Luca


Sagenhaft - Gebannte Gefühle
Fantasy
Natalie Luca
188 Seiten
erschienen am 29. April 2020







Sagenhaft - Gebannte Gefühle ist der vierte Band der Sagenhaft-Reihe um die 16jährige Zia. Die Entwicklung der Charaktere in dieser Reihe macht - neben den Abenteuern, die unsere Protagonistin mit ihren Gefährten erlebt - einen Großteil der Geschichte und des Lesevergnügens aus. Daher kann ich Euch empfehlen, Luzia Windspiel vom ersten Band an zu begleiten.








Bisher sind folgende Bände der Sagenhaft-Reihe erschienen:

Sagenhaft - Vergessene Geschöpfe

Sagenhaft - Gehörnte Gefahren

Sagenhaft - Verlorene Gesänge 

Sagenhaft - Gebannte Gefühle

Band 5 wird voraussichtlich im August 2020 erscheinen und trägt den Titel

Sagenhaft - Verfluchte Geheimnisse


Ihr seid neugierig geworden und wollt Euch nicht spoilern lassen? Meine Rezensionen zu den vorhergehenden Titeln findet Ihr mit einem Klick auf den entsprechenden Buchtitel oder auch über die Suchen-Funktion auf meiner Startseite. Da könnt Ihr - je nach Eurem persönlichen Leselevel - selbst entscheiden, wie weit Ihr schon im Voraus mehr wissen wollt.


Gebannte Gefühle


In Zias Leben fügt sich langsam alles wieder: Emma ist nun Teil der Clique und bei Sebastian und Zia haben sich die Wogen wieder geglättet. Auch die Gartenlaube sieht nach den Reparaturarbeiten und Emmas Ideen wieder wohnlich aus und innen bleibt es trocken.

Dafür sorgt Besuch bei Familie Flammensteyn für Unruhe und verkniffene Gesichter. Elias Tanten aus Niederösterreich haben sich angemeldet und bringen auch gleich den nächsten Fall mit. Ein Poltergeist treibt scheinbar sein Unwesen. Was zunächst wie ein einfacher Auftrag aussieht, gestaltet sich am Ende doch höchst kompliziert.


Meine Meinung


Natalie Luca gelingt es mit diesem vierten Band mich gleich wieder ins Geschehen zu versetzen. Beim Lesen fühle ich mich als Teil der Gemeinschaft und erlebe hautnah mit, was Zia mit Emma und den Jungs durchlebt.
In Gebannte Gefühle lerne ich neue Charaktere kennen. Charaktere aus Fleisch und Blut mit all ihren Ecken und Kanten und natürlich auch sagenhafte Geschöpfe. Ich bin beeindruckt, wie leicht ich mir die Charaktere vorstellen kann und was für einen hohen Wiedererkennungswert sie durch ihre Eigenschaften gewinnen. Der Schreibstil ist gewohnt flüssig und bereits nach den ersten Zeilen weiß ich genau, auch dieses Buch werde ich vor dem Ende nicht wieder aus der Hand legen wollen. Zu spannend ist das Geschehen, zu interessant die Entwicklung der Charaktere. Zudem ist nicht ganz klar, wie dieser Geist vertrieben werden kann.

Gebannte Gefühle ist ein Buch, dass ich wieder an einem Tag durchgelesen habe. Die Charaktere sind mir ans Herz gewachsen und ich möchte selbst die, die auch unangenehm in der Geschichte erscheinen, nicht mehr missen. Mitzuerleben, wie sie sich weiterentwickeln, ihre Lehren aus dem Erlebten ziehen oder auch mal ertappt werden, tun der Geschichte gut und sorgen dafür, dass ich mich als deren Wegbegleiter fühle. Die Handlung ist spannend und gelegentliche witzige Begebenheiten lassen mich herzlich lachen.


"Als wir am Esstisch Platz genommen haben, sieht Bartholomäus sich um. Ein Stuhl ist leer geblieben. "Und wer", fragt er leicht lallend, "holt jetzt Klara aus der Speisekammer?" - Seite 17


Es ist diese feine Art der Situationskomik, die absolut echt wirkt. Das gefällt mir besonders daran.

Ich hatte wieder viel Freude beim Lesen und freue mich auf den fünften Band, der im August 2020 erscheinen soll.


Fazit


Wer Jugendbücher im Bereich der Fantasyromane liebt und Lust hat, sich auf die Spuren der Sagen von Wien zu begeben, ist mit dieser Buchreihe sehr gut beraten.


Sonntag, 17. Mai 2020

Sagenhaft - Verlorene Gesänge - Natalie Luca


Sagenhaft - Verlorene Gesänge
Fantasy
Natalie Luca
206 Seiten
erschienen am 31. Januar 2020
ISBN 978-8607781668





Sagenhaft - Verlorene Gesänge ist Band 3 der Reihe um Luzia Windspiel. Wenn Ihr also Band 1 und Band 2 noch nicht gelesen habt, seid gewarnt! Denn dann erfahrt ihr hier schon Dinge, auf die ihr sonst in den ersten beiden Bänden der Serie noch beim Lesen hin fiebern könntet.


Bisher sind folgende Titel erschienen:

Sagenhaft - Vergessene Geschöpfe
Sagenhaft - Gehörnte Gefahren
Sagenhaft - Verlorene Gesänge
Sagenhaft - Gebannte Gefühle



Einblick in die Geschichte von Zia



Luzia Windspiel ist 16 Jahre alt und wird von allen Zia genannt. Als sie 5 Jahre alt war, lag sie abends im selben Zimmer mit ihrem Zwillingsbruder Lukas. Die Eltern waren ausgegangen und Großmutter Luzia passte auf die beiden auf. Da sie bereits ruhig waren und schlafen sollten, waren sie allein im Zimmer. Als ein Monster mit rotglühenden Augen durchs Fenster hereinkam und sich Lukas schnappte, kam ihre Oma leider zu spät. Lukas tauchte nie wieder auf. Die Eltern wurden nie wieder froh und die Großmutter erlitt einen Schlaganfall und konnte sich seitdem nicht mehr mitteilen. Einzig Zias Schulfreundin Emma ist an ihrer Seite bis Zia von ihrer Großmutter einen umständlichen Hinweis und einen Schlüssel erhielt. Der Schlüssel zu dem fast schon in Vergessenheit geratenen Garten ihrer Oma.
Da Zia sehr gewissenhaft ist und erst Dinge überprüft, die sie als unbestätigt kennenlernt, lässt sie sich auf die Dinge ein, die sie in der Gartenlaube ihrer Oma vorfindet. Da sind jede Menge Sagenbücher, getrocknete Kräuter und in Phiolen aufbewahrte andere Dinge. Und Zia fragt sich, ob es das Monster mit den rotglühenden Augen, das sie als Kind gesehen hatte, wirklich gibt.
Zum Glück bleibt sie dabei nicht lang allein, denn: die sagenhaften Geschöpfe, die gibt es wirklich. Und gefährlich sind sie noch dazu.
So ist Zia bald gefangen zwischen Liebe, Freundschaft und Gewissensbissen.

Zia wird Teil der coolen Jungs-Clique und versucht - auf Emmas Bitten hin -, sie dorthin zu integrieren. Das geht natürlich nicht, ohne die Geheimnisse um die sagenhaften Geschöpfe und damit auch die Geheimnisse der Jungs preiszugeben. Um Emma zu schützen, will Zia das aber auf keinen Fall tun. Ein ganz schöner Drahtseilakt.
Und dann sind da noch die Jungs.

Mit Sebastian ist Zia zusammen. Leider hat Zia sich bei den Jungs verplappert und ein Geheimnis von Sebastian preisgegeben. Nun gehen sich die beiden aus dem Weg. Zias Entschuldigung hat er nicht angenommen und um ein klärendes Gespräch drückt sich selbst Zia vor lauter Angst ihn zu verlieren.
Auch die beiden Brüder Elias und Raphael halten sich bedeckt und zunächst einsilbig. Doch gegen die sagenhaften Geschöpfe treten sie weiterhin alle vier gemeinsam an.


Verlorene Gesänge


Zia gewinnt in diesem dritten Band an Willensstärke und setzt sich durch. So lässt sie sich von ihren Eltern nicht abwimmeln, als es der Großmutter schlechter geht und auch von den Jungs lässt sie sich nicht unterkriegen. Nur mit Emma und Sebastian kommt sie nicht voran. Dabei ist Sebastian doch ihr Freund und Emma ihre beste Freundin. Die Sorgen um die beiden wiegen schwer. Gleichzeitig passieren in Wien seltsame Dinge. In der Donau gab es Badeunfälle. Und das bei dieser Eiseskälte im Januar. Wäre nur eine Person ertrunken, wäre es wohl nicht ungewöhnlich aufgefallen. Doch bei vier Opfern werden die drei Jungs und Zia hellhörig.


Meine Meinung


Natalie Luca erzählt mit diesem dritten Band die Geschichte so lebendig weiter, als könnte ich vor die Tür spazieren und die Charaktere begleiten. Gespannt verfolge ich das Geschehen und bin immer wieder fasziniert von der Einbindung der Sagen Wiens. Der Erzählstil ist so locker und leicht, dass ich fast versucht bin zu glauben, dass die Jungs und Zia nicht wirklich in Gefahr sind. Wenn sich die Ereignisse dann zuspitzen, ist mir schnell klar, dass das kein Spiel ist und Sebastian, Elias, Raphael und Zia um ihr Leben kämpfen. Und um das möglicher weiterer Opfer.

In diesem Band, Verlorene Gesänge, kann ich sehr schön verfolgen, wie sich die Charaktere - gemessen am Geschehen - weiter entwickeln. Dabei machen Raphael als auch Zia wohl die größten persönlichen Veränderungen mit.

Diesen dritten Band habe ich in eins durchgelesen. Zu spannend war das Geschehen, um das Buch zur Seite zu legen. Zu neugierig war ich, zu erfahren, wie es mit den Charakteren weiter geht.
Natalie Luca hat mich mit der Geschichte abgeholt. Ich wollte unbedingt wissen, ob Emma in die Clique integriert wird. Ich hatte keine Ruhe, weil ich immer noch nicht wusste, ob Sebastian und Zia nun noch ein Paar sind oder nicht. Ich musste erfahren, ob der Großvater von Raphael und Elias was im Schilde führt. Ich habe mit Zia gelitten, weil es ihrer Großmutter schlechter geht. Ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen.

Band 4, Sagenhaft - Gebannte Gefühle - ist am 29. April 2020 erschienen. Damit mache ich es mir als nächstes gemütlich.


Fazit


Dieses Buch ist für alle, die sich gern ins sagenumwobene Wien aufmachen wollen und Fantasy-Geschichten mögen. Sagenhaft - Verlorene Gesänge konnte ich bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr aus der Hand legen. Ich musste unbedingt erfahren, wie die Geschichte ausgeht.










Montag, 11. Mai 2020

Ich sehe was, was du nicht siehst - Mel Wallis de Vries


Ich sehe was, was du nicht siehst
Psychothriller - Jugendbuch
one - Bastei Lübbe Verlag
Autorin: Mel Wallis de Vries
ISBN 978-3-8466-0097-9
230 Seiten
Titel der niederländischen Originalausgabe: "Shock"





Der Roman ist spannend aufgemacht. In kurzen Kapiteln erzählen die fünf Protagonistinnen aus ihrer Sicht die Geschichte. Ich lerne ihre Gefühlswelt kennen. Die Gedanken jedoch nur bruchstückhaft. In ihrem jugendlichen Stil lassen sie mich nur "durch die Blume" wissen, was gerade "Phase" ist. Verletzter Stolz, die Angst sich mitzuteilen, die Mädchen sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Da bleibt kaum Raum für Freundschaft oder Familie, für ein liebevolles Miteinander.






So lerne ich nach und nach Mabel, Anouk, Bo, Lilly und Emma kennen.
Von der Kindergartenfreundschaft bleibt allerdings nicht viel, auch nicht, nachdem Emma verschwunden ist. Emma ist mittlerweile ein halbes Jahr unauffindbar. Der gemeinsam geplante Urlaub der Freundinnen in Frankreich findet ohne sie statt. Unbeschwertheit und Freude zeigt allenfalls Bo, das ist die Rolle, die sie spielt. Denn so fröhlich ist sie nicht wirklich. Auch die anderen Freundinnen haben ihr Päckchen zu tragen. Und keines davon ist leichte Kost.


Mel Wallis de Vries setzt in diesem Thriller markante Punkte und darüber wird die jeweilige Protagonistin charakterisiert. Ich lerne ein verhätscheltes Mädchen kennen, das alles Materielle bekommt doch Liebe erhält es nicht. Eins der Mädchen ist sehr labil und weint viel. Nur mit Psychopharmaka hält sie den Verlust von Emma aus. Ein anderes Mädchen ist störrisch und lässt nur ihre eigene Meinung gelten. Und die vierte im Bunde versucht alles, um ihrer Mutter zu gefallen und in ihre Fußstapfen zu treten. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man mangelhaft begabt erscheint. Und dann ist da noch Emma. Von Emma fehlt jede Spur.

Nähe kann ich zu den Protagonistinnen kaum aufbauen und dennoch schafft die Autorin es, mein Interesse zu wecken. Ich will wissen, was es mit den Begebenheiten auf sich hat. Taucht Emma wieder auf? Oder ist sie tot? Zwischendrin sind Zeitungsartikel abgedruckt und von jemandem kommentiert. Teilweise in einer sehr herablassenden, hämischen Art. - So jedenfalls empfinde ich die Kommentare.

Der Schreibstil ist locker, die Kapitel sind kurz. Der Geschichte kann ich sehr gut folgen. Nur mit den Charakteren werde ich im Verlauf der Geschichte wenig warm. Ob es an zu wenig Gemeinsamkeiten liegt oder den Charaktereigenschaften, ich weiß es nicht. Auch habe ich Probleme, sie mir bildlich vorzustellen. Ein bisschen ja, aber irgendetwas fehlt. Der Funke will nicht so recht überspringen. Zu viele Klischees werden bedient, dabei bleibt die Seele der Charaktere auf der Strecke.


Fazit


Wer keine zu tiefe Bindung zu den Charakteren benötigt und einen spannenden und überraschenden Psychothriller im Jugendbuchbereich liebt, ist mit dem Buch gut bedient.


Sonntag, 10. Mai 2020

Die Kinder von Nebra - Ulf Schiewe


Die Kinder von Nebra
Historischer Roman
Bastei Lübbe
Autor: Ulf Schiewe
ISBN 978-3-7857-2675-4
620 Seiten






Die Kinder von Nebra ist ein historischer Roman und spielt in der Bronzezeit etwa 2000 Jahre vor Christi. In dem Roman erlebe ich mit, wie die berühmte Himmelsscheibe von Nebra entsteht. Diese Himmelsscheibe gibt es tatsächlich. Um diese Himmelsscheibe und um deren mögliche Bedeutung handelt die fiktive Geschichte.







Das Geschehen mag rund 4000 Jahre her sein, doch die Sprache, die in dem Roman verwandt wird, ist modern und umgangssprachlich, so dass ich der Geschichte - trotz unbekannter, fremder Namen und neuer Gottheiten - leicht folgen kann.

Mir ist vor allem die Protagonistin Rana ans Herz gewachsen. In ihrem jugendlichen Alter muss sie schon früh lernen, Verantwortung zu übernehmen und drückt sich zunächst vor einer für sie folgenschweren Entscheidung: wird sie Priesterin der Destarte werden und ihre Mutter ablösen? Herdis hat ihr alles beigebracht und hofft nun inständig darauf, dass ihre Tochter das Amt übernehmen wird. Währenddessen schmiedet ihr Vater nicht nur eigene Pläne, sondern arbeitet mit Hochdruck und im Geheimen an der Himmelsscheibe. Das Wissen, das sie vermitteln wird, soll von großer Bedeutung sein und seinem Besitzer zur Macht verhelfen. Doch lange kann Vater Utrik das Wissen innerhalb der Familie nicht für sich behalten. Ich kann es der ungestümen Rana nicht verdenken, dass sie bezüglich der Himmelsscheibe ganz eigene Vorstellungen hat und ihre Ziele verfolgen will.

Ulf Schiewe hat mit Die Kinder von Nebra eine historische Geschichte geschrieben, die Spaß macht, mit Wissen beeindruckt und bildlich das Geschehen vermittelt. Ich sehe die Wälder, das hohe Gras und die Charaktere. Nicht, weil alles detailliert beschrieben ist, sondern weil die Geschichte ein Herz hat. Es ist das Gefühl, das Empfinden, das Ulf Schiewe beim Lesen transportiert. Das macht die Geschichte so besonders. Ich kann sie mit dem Herzen sehen.

Anfangs begegnete ich der Geschichte mit Respekt. Es waren so viele neue Namen, neue Begebenheiten, unbekannte Gottheiten, nie gehörte Städtenamen - und doch fand ich leicht Zugang zur Geschichte. Ehe ich mich versah, war ich mitten in der Geschichte und wollte gar nicht mehr aufhören zu lesen.

Zum Ende der Geschichte hätte ich mir gewünscht, das Lesetempo zu drosseln, damit das Buch nicht so schnell ausgelesen ist. Doch da zog die Spannung noch einmal richtig an und ich konnte mich dem Geschehen nicht mehr entziehen. Ich bin von dieser Geschichte so begeistert, dass - obwohl sie durchaus abgeschlossen ist - ich mir eine Fortsetzung wünsche. Ich möchte diese Charaktere, die mir im Verlauf der Geschichte ans Herz gewachsen sind, weiter begleiten. Ich möchte erleben, was sie erleben. Es interessiert mich. Und nun, da ich sie kennengelernt habe, geht es mich auch etwas an.

Im Buch finden sich neben der Geschichte noch Anmerkungen des Autors, ein Personenverzeichnis, die Götter und die Klans sowie ein Glossar. Und im Buchdeckel befindet sich noch ein Karte mit den Ortsnamen und ihrer heutigen Entsprechung. Wer sich für das Hörbuch entscheidet und jetzt gerade neugierig geworden ist: auf der Internetseite des Autors ist das auch noch einmal alles aufbereitet.


Fazit


Dieses Buch ist für alle, die sich für historische Dokumente und fiktive Geschichten darum begeistern können. Die Himmelsscheibe von Nebra ist seit 2013 Bestandteil des Weltdokumentenerbe der UNESCO. Und diese Geschichte ist so lebendig erzählt, dass sie wahr sein könnte.



Quellen:

Ulf Schiewe




Montag, 13. April 2020

Die Liebe einer Tochter - Deborah Moggach


Die Liebe einer Tochter
Insel Taschenbuch 4747
Autorin: Deborah Moggach
Deutsche Erstausgabe
ISBN 978-3-458-36454-2
264 Seiten



Die Liebe einer Tochter - Deborah Moggach - Insel Verlag

Inhalt und Personen


James ist über 80 Jahre alt, seine Frau Anna ist verstorben und seine beiden Kinder, Phoebe und Robert, kümmern sich nur insoweit um ihn, als dass sie ihm eine Betreuung nach der anderen an die Seite stellen. Keine der Pflegekräfte hält es lange bei dem alten Herrn aus. So sind Phoebe und Robert froh, dass ihnen Mandy sozusagen ins Haus schneit. Etwas unkonventionell und mit einem etwas einfachen, eher flegelhaften Gemüt kümmert sie sich mit "Herz und Schnauze" um den alten Herrn.



Und der genießt es plötzlich mit Mandy den Ort, die Umgebung und die Menschen drumherum wahrzunehmen und kennenzulernen, Fernsehen zu gucken und zu "plappern", statt sich einer gepflegten Unterhaltung hinzugeben.

Wen wundert es, dass Phoebe und Robert immer misstrauischer werden, je lockerer und ungezwungener Mandy und James miteinander umgehen, wenn diese zunehmend fröhlicher sind und miteinander herumalbern, als hätten sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan. So viel Nähe hatten sie bei ihrem Vater nie.

Phoebe und Robert haben das Gefühl, dass sie - wie bereits in ihrer Kindheit, in der sie vom Vater nicht viel hatten - wieder ins Hintertreffen geraten. Ihr Vater hatte sich nie für sie interessiert oder für das, was sie machten. So etwas wie väterlicher Stolz kam nie auf und zu so etwas hatten sie ihn auch nie veranlasst. Selbst jetzt mit über 60 Jahren, haben sie noch nichts "auf die Beine gestellt". Robert schreibt in einem langsam verkommenden Gartenhäuschen einen Roman, der nie fertig zu werden scheint und Phoebe malt Bilder, die keiner kauft. Wenigstens können sich beide diesen Lebensstil - dank ihres Elternhauses - erlauben. Der einzige Vorteil, jetzt, da Mandy sich um ihren Vater kümmert: Robert und Phoebe nähern sich wieder einander an und sie brauchen sich nicht um ihren Vater zu kümmern.

Dass diese Rechnung nicht aufgeht, merken sie erst später.



Meine Meinung


Der Klappentext erinnerte mich ein wenig an Mary Poppins und an die Serie "Die Nanny". In dem Roman von Deborah Moggach geht es um den 80-jährigen James, der schon so manche Haushaltshilfe in die Flucht geschlagen hat, nun aber mit der Leggings und Glitzershirt tragenden Mandy hervorragend auszukommen scheint. Ich war gespannt, was für Überraschungen der Roman für mich parat hält.

Die englische Originalausgabe Die Liebe einer Tochter ist 2019 unter dem Titel The Carer in London erschienen.
Mir persönlich gefällt der deutsche Titel besser, passender, er ist vor allem weicher. Übersetzt heißt The Carer soviel wie Der Betreuer, Die Pflegekraft. Mit dem Titel kann man verschiedene Schwerpunkte für die Geschichte setzen.

Mir hat das Buch sehr gefallen. Die Sprache, mit der der Roman erzählt wird, ist sehr eingängig. Deborah Moggach hat einen sehr liebevollen Schreibstil und geht behutsam mit ihren Charakteren um. Auch wenn diese nicht sehr liebenswert erscheinen sind es Charaktere, die um ihrer selbst willen geliebt werden wollen. Die Sehnsucht nach diesem ureigensten Bedürfnis im Familienkreis wird hier sehr gut dargestellt und ich kann mich beim Lesen gut in das Gefühlsleben der Charaktere hineindenken. Die stärkste Bindung konnte ich dabei zu Anna aufbauen. Obwohl diese nur am Rande auftaucht und eine eher kleine Rolle spielt, hält sie doch aller Leben zusammen und ist damit für alle bedeutend.

Im Roman gibt es tolle Passagen, die mich zum Nachsinnen bringen. So zum Beispiel:

"Objektivität kann ein Trost sein, weißt du. Wie Daniel Dennett, der große amerikanische Rationalist, einmal gesagt hat, weiß keine einzige der Zellen, die deinen Körper bilden, wer du bist, oder kümmert sich darum." - Seite 92

Bemerkenswert, nicht? Zum Einen lerne ich dadurch James, Wissenschaftler und Teilchenphysiker, besser kennen, zum anderen regt es an, auch einmal über die Dinge nachzudenken, mit denen man sonst weniger konfrontiert wird. Oder, um es mit Michel de Montaignes Worten zu sagen:

"Ich gebe meiner Seele bald dieses, bald wieder ein anderes Ansehen, nachdem ich sie auf die eine oder andere Seite lege. Dass ich verschiedentlich von mir rede, kommt daher, dass ich mich verschiedentlich betrachte. Ich finde in mir alle einander entgegengesetzte Eigenschaften." - Seite 183

Das zeigt, ein gewisses Selbststudium ist hilfreich. Und dann wieder gibt es diese herzerfrischenden Zeilen, in denen Mandy mit James über die Begebenheiten im Ort plappert und ich miterlebe, über was Phoebe und Robert sich Gedanken machen.

Das Buch ist dafür in drei Teile unterteilt.

Im ersten Teil lerne ich abwechselnd die Sicht von Robert und Phoebe kennen. Das jeweilige Kapitel ist mit ihrem Namen gekennzeichnet. Die Kapitel sind kurz gehalten und kurzweilig erzählt. Aus der Sicht der beiden lerne ich auch James und Mandy kennen.

Im zweiten Teil des Buches kommt dann James zu Wort. Neben ihm lernen wir für ihn wichtige Personen kennen. Auch diese kommen selbst zu Wort, so dass ich einen umfassenden Blick aus früherer Zeit auf James bekomme.

Im dritten Teil kommen dann noch einmal Phoebe und Robert zu Wort und ich darf auch ihre Mutter Anna besser kennenlernen.

Mit Die Liebe einer Tochter ist Deborah Moggach ein toller Roman über Beziehungen zwischen Menschen, wie sie in einer Familie vorkommen können, gelungen. Die Gefühle der einzelnen Charaktere und deren Handlungsweisen sind nachvollziehbar und lassen die Charaktere Menschen sein, die im eigenen Ort, in der eigenen Stadt, eine Straße weiter wohnen könnten. - Wenn sie es nicht sogar tun.

Mir gefällt ihr Stil mit einem lachenden Auge die menschlichen sowie die zwischenmenschlichen Abgründe zu betrachten. 


Deborah Moggach


Deborah Moggach hat an großartigen Projekten mitgewirkt. Das Drehbuch zu der BBC-Verfilmung von Stolz und Vorurteil beispielsweise. Oder die Romanvorlage zum Film The best exotic Marigold Hotel. - Was hab ich bei dem Film gelacht. Und doch sind stets ernsthafte Hintergründe gegeben und klar zu erkennen. 


Fazit

"Es ist, als würden sie mir ihre Geschichte erzählen." - Seite 35

Ein  Roman, der  mit einem Lächeln zeigt, dass ein Mensch nur schwer aus seiner Haut kann und was passiert, wenn dieser Mensch die Chance dazu erhält. Eine Geschichte über zwischenmenschliche Gefühle, die sich nicht einfach abstellen lassen. Ein Buch, das eine Familiengeschichte erzählt. Eine Geschichte, die zeigt, dass Wissen nichts mit Wahrheit oder Erfahrung zu tun hat. Ein Roman, der die eigenen Alltagszwistigkeiten vergessen lässt und den Blick auf die wichtigen Dinge im zwischenmenschlichen Zusammenleben lenkt. - Dieses Buch kann ich allen empfehlen, die sich mit einer Familiengeschichte und deren Zwistigkeiten gut unterhalten fühlen und denjenigen, die dabei mit einem Lächeln in den Augen auf die Charaktere blicken können.