Sonntag, 22. November 2020

Bin noch da - Sven Stricker


Bin noch da
Roman
Rowohlt Polaris 
Autor: Sven Stricker
ISBN 978-3-499-00195-6
448 Seiten
erschienen am 18. August 2020



Bin noch da heißt der neue Roman von Sven Stricker in dem es um eine Vater-Sohn-Beziehung geht. Oder vielmehr um eine Vater-Sohn-Beziehung die nie wirklich bestand?! - Aber schön der Reihe nach.

Moritz Liebig ist 37 Jahre alt und hat ein eigenes Café. Er lebt mit seiner Frau Jessy und seinem Sohn Elias in einer Wohnung im vierten Stockwerk und ist - so gut es geht - zufrieden. Zu seinen Eltern und seiner Schwester Nina hat er seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr und er bildet sich gern ein, sie auch nicht zu vermissen. Mit 18 ist er zu Hause ausgezogen und hat seitdem sein Elternhaus nicht mehr betreten. 




In seinem Café steht er oft selbst hinter dem Tresen und vergibt jedem Kunden in Gedanken einen Namen. Mir gefällt diese Marotte von ihm. Er schaut sich den Menschen vor ihm an und denkt "mhmm, das könnte eine Lily sein, und diese eine Lotte und die dort am Ende der Schlange steht, könnte eine Lea sein". Bis plötzlich ein Karlheinz vor ihm steht. Sein Karlheinz. Sein Vater. Sein Vater, der nie auch nur einen Schritt in sein Café oder eine seiner Wohnungen gesetzt hatte. Doch mit freudigen Nachrichten kommt Karlheinz nicht. Stattdessen teilt er Moritz mit, dass seine Mutter verstorben sei und er auch sterben möchte. Er käme nur nicht an das notwendige Medikament heran. Auch wenn Moritz all die Jahre keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte und erstaunt ist, dass seine Mutter bereits seit drei Monaten tot ist und er nicht einmal zur Trauerfeier eingeladen war, seinem Vater helfen aus dem Leben zu scheiden, das will er nun auch nicht. Kann er seinem Vater diesen Wunsch verweigern? Er, Moritz, der sich die ersten 18 Jahre seines Lebens immer gewünscht hatte, dass sein Vater ihn begleitet, für ihn da ist? Dessen Nähe er gesucht hat, sie aber nie bekommen hat. Und jetzt soll Moritz für ihn da sein und ihn begleiten? Beim Sterben?


"Sie nehmen dir nach und nach alle Vergnügungen, das sag ich dir, dann lebst du zwar noch, aber es gibt keinen Grund mehr dafür." - Seite 73


Bei aller Miesepetrigkeit, die Karlheinz an den Tag legt, muss ich trotzdem immer wieder herzlich lachen. Der Roman ist mit einem trockenen unterschwelligen Humor geschrieben, der mich - trotz der ernsten Lage - zum Lachen bringt. Sven Stricker hat eine ganz eigene Art diese Geschichte zu erzählen. So echt, so unverfälscht und mit den Tücken, die das Leben so mit sich bringt. Freunde, Unsicherheiten, Sehnsüchte und familiäres Zusammenleben, Missverständnisse und Freude - ein bunter Strauß an Menschen, Erlebnissen und Gefühlen, die sich am Erlebten festmachen. Die Charaktere wirken echt mit ihren Ecken und Kanten und schon bald fühle ich mich genauso heimisch in der Stadt, in dem Mehrfamilienhaus, in der Straße, in der das Elternhaus steht und im Café, als würde ich dort selbst ein- und ausgehen.

Ich habe das Buch gern gelesen, weil es mir zeigt das - egal wie schwer es in manch einer Lebenssituation sein mag und egal wie verquer es auch gerade läuft - es sieht von außen betrachtet gar nicht so schlimm aus. Schlimm ist es in der Situation nur für einen selbst. Und man selbst ist der Meister, der das Geschick in seinem Wirkungskreis beeinflussen kann. 

Bin noch da bringt mich zum Lachen und regt mich ebenso zum Nachdenken an. Ein wundervoller Roman.


Fazit


Bei aller Ernsthaftigkeit des Lebens und der Geschichte habe ich auch immer viel Freude beim Lesen gehabt und laut aufgelacht. 

Ein Buch, dessen Geschichte, dessen Wahrheit wohl deprimieren würde, wäre es nicht mit diesem köstlichen Humor geschrieben. 

Bin noch da - ein Roman, der einem zeigt, dass man gar nicht so allein ist auf dieser Welt mit seinen ganzen Empfindungen.


Sonntag, 25. Oktober 2020

Fräulein Gold - Scheunenkinder - Anne Stern


Fräulein Gold - Scheunenkinder
Argon-Verlag
Hörbuch
Autorin: Anne Stern
Sprecherin: Anna Thalbach
1 MP3-CD 
6 Stunden 51 Minuten
Erscheinungstermin: 13. Oktober 2020
ISBN 978-3-8398-1813-8 



Fräulein Gold - Scheunenkinder
ist der zweite Band der Saga am Hulda Gold. Hulda Gold lebt im Berlin der 1920er-Jahre, ist Hebamme und hat ihren eigenen Kopf. Sie ist gern unabhängig und obwohl sie anderen Familien hilft, ihre Babys gesund auf die Welt zu bringen, kann sie sich selbst ein Leben "nur" als Ehefrau und Mutter nicht vorstellen. Mit ihrer störrischen und liebenswerten Art hat sie sich schnell einen Platz in meinem Herzen erstritten. 


Hulda Gold ist freundlich, dabei aber auch immer sehr bestimmt. Was sie sich in den Kopf gesetzt hat, führt sie auch zu Ende.

So auch in diesem zweiten Band Scheunenkinder. Von ihrem Vater bekommt sie die Information, dass sie im Scheunenviertel gebraucht wird. Es handelt sich um eine jüdische Familie. Die jüdischen Familien in diesem Viertel sind sehr arm und das Besondere bei diesem Einsatz ist, dass die Wöchnerin eben keine Jüdin ist. Hulda selbst macht das nichts aus. Sie ist zur Hälfte Jüdin und ein neues Leben ist ein neues Leben, das auf die Welt gebracht werden möchte. 

Der jüdischen Familie Rothmann, die aus Galizien stammt, ist das Ansehen nicht einerlei, und so wird der Geburt des Babys mit scheinbar gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Als dann einige Tage nach der Geburt das Neugeborene verschwunden ist, scheint niemand Ambitionen zu haben, das Baby zu finden. Niemand außer Hulda, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die Armenierin Tamar zu unterstützen und ihr ihr Baby wohlbehalten zurückzuholen. 

Selbst Huldas Freund, Kommissar Karl North, kann sie nicht davon abhalten, weiter nach dem Neugeborenen zu suchen. 


Der Erzählstil von Anne Stern trifft das Berlin der 1920er Jahre sehr gut. Ich erhalte einen Einblick in die Haushalte Berliner Bürger und bekomme eine Ahnung, wie es bei ihnen zu Hause ausgesehen haben mag. Freundschaften, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, der wachsende Unmut auf Juden und wie damit in der Gesellschaft umgegangen wird, die Inflation - alles das beschreibt Anne Stern so bildhaft, als würde ich selbst morgen mit Bündeln von Geldscheinen in der Tasche nach einem Brot anstehen. Es ist spannend, mit Hulda an der Seite durch Berlins Straßen zu gehen und die Menschen kennenzulernen. Die Charaktere sind vielschichtig und sie sind besonders. Man tut gut daran, seine Belange vor den neugierigen Anwohnern zu bewahren. Denn sonst weiß tags darauf die Nachbarschaft mit Sicherheit genauestens bescheid. Es ist dieses bunte Treiben in einer durchaus manchmal grau anmutenden Zeit, das mich fasziniert und durch die Geschichte trägt. 


Fräulein Gold - Scheunenkinder hat mir sehr gut gefallen. Diesen zweiten Band kann man unabhängig vom ersten Band Fräulein Gold - Schatten und Licht lesen. Ich freue mich, dass ich diesen ersten Band noch vor mir habe und mir damit die Wartezeit auf den dritten, bald folgenden Band Fräulein Gold - Der Himmel über der Stadt verkürzen kann. Der dritte Band wird als Roman am 21. April 2021 im Rowohlt Verlag und am selben Tag im Argon Verlag als Hörbuch erscheinen. 


Weitere Informationen gibt es auf den Verlagsseiten:

Argon Verlag - Scheunenkinder
Rowohlt Verlag - Anne Stern

und auf der Seite der Autorin:

Anne Stern


Sonntag, 11. Oktober 2020

So sehen Siegerinnen aus - Katrin Klewitz


So sehen Siegerinnen aus
Konflikte meistern durch Balance, Haltung und Selbstvertrauen
Lübbe Life - Bastei Lübbe Verlag
Autorin: Katrin Klewitz
ISBN 978-3-7325-8924-1
246 Seiten




So sehen Siegerinnen aus ist ein Buch vor allem für Frauen. Das Buch kann als Leitfaden dienen, Erklärungen in der Selbstreflektion liefern und Mut machen. Mut machen zu kämpfen. Aber auch im Vorhinein zu sondieren, ob es überhaupt der eigene Kampf ist oder es sich lediglich um das Problem des Gegenübers handelt. 




Der Ratgeber - wenn man ihn so nennen mag - ist in neun Kapitel unterteilt und erzählt viele persönliche Erfahrungen der Autorin. Katrin Klewitz ist ausgebildete Kampfchoreografin und dieser Werdegang hat ihr geholfen sich selbst und auch das Verhalten ihrer Mitmenschen zu reflektieren. An ihren Erfahrungen darüber lässt sie uns in diesem Buch teilhaben. 

In den ersten drei Kapiteln geht es sehr anschaulich um das eigene Standing, Distanzverhältnis und die eigene Haltung. Und wenn der Leser das Standing oder die gewünschte Haltung noch nicht hat, mit welchen Mitteln diese erreicht werden könnten. Wichtig dabei ist, und darum geht es in den drei Kapiteln, das für sich selbst herauszufinden und die eigene Methode und Wirkung daraus kennenzulernen.

Die übrigen sechs Kapitel beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Charaktereigenschaften von Kriegerin, Jägerin, Kampfelfe, Schützin, Knappin und Ritterin. Anhand von Charakteren aus Literatur und Filmgeschichte werden hier die besonderen Eigenschaften vermittelt. Hilfreich ist hier, dass es einen kurzen Abriss über die jeweilige Geschichte des Charakters gibt. Dabei ist das für die bekannten Geschichten nur schmückendes Beiwerk, dafür habe ich beim Lesen aber auch gleich wieder die Bilder vor Augen und kann mir Katrin Klewitz Gedanken bildlich vor Augen führen. 

Auch hier bringt Katrin Klewitz ihre persönlichen Erfahrungen mit ein und vermittelt mir beim Lesen das Gefühl, mit den Herausforderungen, die beispielsweise ein Büroalltag oder Erlebnisse aus der Schulzeit mit sich bringen, nicht allein zu sein. So finde ich meine erste Verbündete. 

Die Kapitel sind übersichtlich und informativ und für die wichtigsten Informationen gibt es Merkkästchen und Zeichnungen, die zusätzlich noch für eine Veranschaulichung sorgen. Besonders gefällt mir der lockere Schreibstil und die Steigerungsmöglichkeiten, die angeboten werden, wie ich meinem Gegenüber begegnen kann. Ob nonverbal oder mit eigenen Worten kurz und knapp oder wortreich, die Möglichkeiten sind vielfältig. 

Mir hat die Lektüre sehr viel Freude bereitet und ich freue mich, so viel Wissenswertes - was man verteilt hier und da auch schon mal gehört oder aufgeschnappt hat - nun vereint in einem Buch zu haben. 


Samstag, 12. September 2020

Herzmalerei - Syma Schneider


Herzmalerei
Roman
Bucher Verlag
Syma Schneider
ISBN 978-3-99018-506-3
400 Seiten



Ich fühle mich nicht leer, nicht einsam,
sondern angefüllt und bereichert mit Leben, mit Erfahrung.
Und dennoch bin ich traurig, unendlich traurig.

Ich bin traurig, weil die Geschichte zu Ende ist,
diese Episode des Lebens von Zenia, von Nael. 
Und dennoch bin ich voller Hoffnung, voll Hoffnung auf ein Wiedersehen. 




Herzmalerei ist eine unendlich berührende Geschichte.

Anfangs hatte ich meine Zweifel. Ich lerne Zenia kennen und Nael. In kurzen Kapiteln, die abwechselnd über Zenia und Nael erzählen, bin ich den Beiden sehr nah. Zenia ist Psychologin. In der Firma, in der sie arbeitet, werden System-Menschen - genauer gesagt: Babys - produziert. Nael sitzt im Gefängnis. 

Beide wirken auf mich etwas instabil und eingefahren. Ich bin auf der Hut, doch beide schleichen sich unbemerkt nach und nach in mein Herz. Die Härte, die beide nach außen kehren, ist reine Vernunft und das hat noch niemandem geschadet. Doch beide, Nael wie auch Zenia, sind absolute Herzensmenschen. Und sie sind Gott-Menschen - also unabhängig vom System und auf natürlichem Wege zur Welt gekommen. 

In einer Welt, in der Hover-Schuhe ein normales Fortbewegungsmittel sind, in einer Welt, in der ab der Mittelschicht jeder einen BRO hat. Einen BRO, den ich mir selbst programmieren kann: Stimme, Aussehen, Geschlecht. Er kennt meine Termine, versendet Sprachnachrichten für mich und spielt mir meine empfangenen Nachrichten vor. Er kennt nicht nur alle Telefonnummern, er ist mit dem UniversalNet und überhaupt aller Technik verbunden und weiß sie zu nutzen. Dank künstlicher Intelligenz entwickelt er sich im Laufe der Zeit immer weiter. Ich muss sagen, ich steh auf all die tollen Neuerungen in der Zukunft und hoffe auf ein entsprechend langes Leben. - Was mir allerdings Kopfzerbrechen bereitet, sind die System-Menschen. 


"Der Zutritt in dieses strengstens abgeschirmte Gebiet ist nur Leuten erlaubt, die keine ansteckenden Krankheiten haben und die über einen ID-Chip verfügen. Genetisch perfekte System-Menschen dürfen ungeprüft hinein. Gott-Menschen dagegen, die wie ich auf natürlichem Wege gezeugt und geboren wurden, müssen gescannt werden." - Seite 24


Und die Einschränkungen, die es für Gott-Menschen gibt. Diese Gesundheitszonen sind für mich gar nicht so abwegig. 

Doch die Technik kann noch viel mehr: sie kann uns in den Alpha-Zustand versetzen. Denn, wenn man dem Unternehmen Glauben schenkt, kann ich mithilfe der Technik meine Seele und damit mein früheres Leben kennenlernen. Wie ein Film spielt sich mein früheres Leben - oder besser Episoden eines meiner früher gelebten Leben - vor meinem inneren Auge und auch auf dem Screen ab. Gedanken werden zu realen Bildern und ich wäre nicht abgeneigt, diese Technik kennenzulernen und selbst zu erproben. 

Ganz anders jedoch leben die Menschen, die wenig Geld verdienen oder gar vom Staat gefördert werden: kleiner Wohnraum in grauen Betonklötzen. Die Wohnungen sind WG´s gleich. Hier haben die wenigsten einen BRO geschweige denn Hover-Schuhe. Es scheint beinahe, als sei bei ihnen die Zeit stehen geblieben. 

Herzmalerei nimmt mich mit auf diese spannende Reise in die Zukunft und gleichermaßen lässt sie mich an alte Werte und das Ur-Erlebte glauben. 

Genauso wie die Protagonisten sich in mein Herz geschlichen haben, hat es auch die Geschichte gemacht. Ganz heimlich, still und leise. Durch diesen betörenden Schreibstil, der mal zögerlich und behutsam, mal direkt und ungeschönt die Dinge beim Namen nennt. Schlussendlich fühle ich mich einer wilden Party beraubt, zu der ich mich während des Lesens der Geschichte begab. 


"Mein Herz tanzt vor Glück. "Romeo, ich brauche jetzt ganz laute Musik." Überschwänglich flippe ich gemeinsam mit der Verrückten im Spiegel aus." - Seite 290


Und genauso fühlte ich mich auch. 

In Herzmalerei kommen Gefühle nicht zu knapp und auch schwierige Themen wie Wiedereingliederung, Gewalthandlungen von Vertrauten und Spionage werden bedient. Trotz der Ernsthaftigkeit der Themen kann ich - dank des Schreibstils und der Dialoge - auch immer mal wieder lachen. 


Fazit

Wer spannend geschriebene Liebesgeschichten mit Sci-Fi-Elementen mag und sich mit der Technik von Morgen gern auch heute schon anfreundet, ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Ich lasse dieses Buch nur ungern wieder los.


Sonntag, 6. September 2020

Carsten Sebastian Henn - Der Gin des Lebens


Der Gin des Lebens heißt der neue Kriminalroman, den der Autor Carsten Sebastian Henn am Abend des 4. September 2020 bei Leuenhagen und Paris in Hannover vorstellt. 



Ausnahmsweise wird zu dieser Lesung auch Gin Tonic angeboten und die erste Frage, die der Autor dem Publikum stellt, ist "Wer von Ihnen trinkt denn alles Gin?" - Bei den vielen Handzeichen ist er ganz entzückt und beglückwünscht das Publikum, da laut einer Studie der University of Queensland Gin-Trinker zu den intelligentesten Menschen gehören. - Außerdem findet er es toll, sagt er, wenn sein Publikum schon leicht angeduselt ist. 


Die humorige Eröffnung der Lesung macht gleich gute Laune und genauso geht die Lesung auch weiter. Der Erzählstil von Carsten Sebastian Henn setzt sich auch im Buch so unvoreingenommen launig fort und im Plauderton berichtet er, dass er sich im Nachhinein über den Ort des Geschehens und den Namen der Protagonistin geärgert hat. Beide Namen beinhalten ein "th" und beim Einsprechen des Hörbuchs hatte Carsten Sebastian Henn seine liebe Not, wenn er von Plymouth und Cathy sprach. Nicht wirklich ernsthaft schimpfte er "im nächsten Buch heißt die Stadt London und die Protagonistin trägt den Namen Linda" und sorgte damit wieder für einen Lacher beim Publikum. 

Beeindruckt war ich auch von der tollen Vorbereitung der Lesung. Carsten Sebastian Henn brachte nicht nur sein Buch mit, sondern auch ein Bild, das den Leuchtturm Smeaton´s Tower zeigt, und das allererste, was er aus seiner Tasche zauberte, war eine Flasche Plymouth Gin. Das Etikett ziert die Mayflower - ein Segelschiff, das am 6./16. September 1620, also ziemlich genau vor 400 Jahren - von Plymouth aus nach Virginia unterwegs war und in Cape Cod landete. - Aber das ist eine andere spannende Geschichte. 

Carsten Sebastian Henn gesteht uns bereits nach den ersten gelesenen Zeilen aus seinem Buch, dass er "ein Freund früher Leichen" sei. Wenn er einen Krimi oder Thriller aufschlägt und nach einem Drittel des Buches ist noch niemand tot, fühle er sich schon betrogen. Wenn es nach ihm ginge, sollte der Verlag einen Aufkleber auf seinen Büchern anbringen, auf dem es heißt "frühe Leiche garantiert". Ich lache und bin mir sicher, dass solch ein Aufkleber zumindest mein Interesse wecken und mich den Klappentext lesen lassen würde, selbst wenn mich das Cover nicht ohnehin schon angezogen hätte. 

Doch nun zurück zu Der Gin des Lebens. In diesem Buch geht es tatsächlich darum, den Gin des Lebens zu finden. Und so begibt sich Bene Lerchenfeld, der in Mehringen am Kaiserstuhl sein Zuhause hat, auf die Suche nach den Inhaltsstoffen des Gins, den sein Vater einst kreierte. Und diese Suche führt Bene Lerchenfeld nach Plymouth und dort in das Bed & Breakfast von Cathy

Was es mit der frühen Leiche auf sich hat? Nun, diese wurde gerade kurz zuvor im Garten des Bed & Breakfast gefunden.



Ich bin ganz angetan von dieser Aussicht auf die Geschichte und dem launigen Erzählstil und kann mich gerade gar nicht entscheiden, ob ich lieber das Buch oder vielleicht das Hörbuch haben möchte. Zu schön ist es, den verschiedenen Stimmvarianten des Autors zu lauschen und damit die Charaktere auf Anhieb auseinanderzuhalten. 



Im Buch jedenfalls - das habe ich gesehen - sind neben einer im Umschlag gestalteten Karte auch einige Seiten im Buch, die Auszüge aus dem Werk "Gin - Alles was du wissen musst" von Archibald Callaghan (Plymouth/Devon) enthalten. Die Seiten werden grau hinterlegt hervorgehoben, so dass sie klar als Einschub zu erkennen sind. Das macht für mich die Auswahl nicht gerade leichter. 

Am Ende des Abends entscheide ich mich für das Buch als Geschenk für eine Freundin - so habe ich die Entscheidung für mich noch etwas herausgezögert. 


Montag, 31. August 2020

Hubertus Meyer-Burckhardt - Diese ganze Scheiße mit der Zeit


Hubertus Meyer-Burckkhardt war heute Abend zu Gast bei Leuenhagen & Paris in Hannover. Es ist seine erste Lesung, seitdem im März diesen Jahres alle Veranstaltungen pandemiebedingt abgesagt wurden und er hat sich bereit erklärt, damit alle 250 Gäste in der Apostelkirche Platz finden, die Lesung zweimal hintereinander stattfinden zu lassen. Eine Vorstellung um 18:30 Uhr und die zweite folgte um 20:15 Uhr. Ich genoss die Veranstaltung um 18:30 Uhr.

Eine schöne Idee. So können alle, die sich auf die Lesung gefreut und an diesem Tag Zeit hatten, tatsächlich - unter den derzeit geltenden Auflagen - an der Lesung teilnehmen. 




Diese ganze Scheiße mit der Zeit heißt sein Buch und Hubertus Meyer-Burckhardt beschreibt dort drin sehr anschaulich, was er an Erfahrungen mit der Zeit und mit der Zeit an sich gemacht hat. 




Ein sehr einschneidendes Erlebnis war die Mitteilung seines Arztes am 13. Oktober 2017. Obwohl er weder vor diesem Tag noch genau an diesem Tag eine Diagnose bekommen wollte, rief der Arzt ihn genau am 13. Oktober 2017 an und teilte ihm mit, dass er an Krebs erkrankt sei. Zwei Karzinome hätten sich bei ihm eingenistet. 




Doch Hubertus Meyer-Burckhardt jammert nicht und das Buch soll auch kein Erfahrungsbericht über seine Krebserkrankung werden. Stattdessen erzählt er lieber dem Publikum, warum er denn an diesem 13. Oktober 2017 kein Ergebnis der Untersuchung haben wollte - und auch nicht vorher. An diesem Tag war die Trauerfeier einer Freundin, die mit 51 Jahren an Krebs verstarb und Abends wollte er mit seiner Frau das Leben feiern, denn an diesem Tag war ihr Geburtstag. "Diese ganze Scheiße mit der Zeit" könnte es nicht treffender bezeichnen. 

Und auch, wenn ich mit Sicherheit gelegentlich diesen Buchtitel zitieren werde, so spart Hubertus Meyer-Burckhardt nicht daran, Aussagen anderer Menschen zu zitieren. Zwei Zitate möchte ich gern mit Euch teilen - sie sind beide so wahr, und beschreiben den Umstand so unendlich gut. 

Das erste ist von dem Philosophen Karl Popper

"Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative." - Karl Popper

Und Hubertus Meyer-Burckhardt weist das Publikum extra noch einmal auf das Wort "vernünftige" hin und wiederholt den Ausspruch. Und mal ganz unter uns: spontan und nach kurzem Abwägen muss ich den Beiden recht geben. Was nützt es schon im Leben, wenn man nicht optimistisch ist? Man muss ja nicht gleich tanzen, lachen und springen. 

Das zweite Zitat ist genauso wahr und wirkt vielleicht zunächst irreführend. Es stammt von dem Schauspieler Tom Hiddleston.

"Du hast zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn du begriffen hast, dass du nur ein Leben hast." - Tom Hiddleston

Die, die an diesem Punkt in ihrem Leben bereits angekommen sind, werden sicher schmunzeln und nicken. Alle anderen wird es eines Tages überraschen, da bin ich mir ziemlich sicher.  

Und für all die, die sich ein Stück Kindheit bewahrt haben gilt natürlich nach wie vor "wir können sie immer noch alle retten". - Das ist von mir und in Anlehnung an das Erlebnis des 9jährigen Hubertus Meyer-Burckhardt, das er so schön in seinem Buch erzählt und mein eigenes kindliches Empfinden und den Wunsch, der sich manchmal immer noch einstellt. 



Sonntag, 30. August 2020

Weil alles jetzt beginnt - Linda Holmes


Weil alles jetzt beginnt
Bastei Lübbe 
Roman
Autorin: Linda Holmes
übersetzt von Alexandra Kranefeld
ISBN 978-3-7857-2710-2
368 Seiten 



Weil alles jetzt beginnt ist die Geschichte von Evvie. Eveleth Drake ist 32 Jahre alt, als ihr Mann sie verließ. Eigentlich wollte sie ihn gerade verlassen. Doch noch nicht einmal das sollte ihr gelingen. Ihr Mann starb an diesem Abend, gerade als sie ihre wenigen Habseligkeiten im Auto verstaute, an den Folgen eines Verkehrsunfalls. 

Tief erschüttert bleibt Evvie zurück und sie lässt ihr Umfeld in dem Glauben, dass es die Trauer um ihren verstorbenen Mann sei, die sie so leiden lässt. Wie sollte sie auch gerade jetzt ihrer Familie, ihren Freunden erklären, dass Tim eben nicht der perfekte, liebende Ehemann war. Wo doch Timothy Christopher Drake als Arzt in dem kleinen Nest, in dem sie lebten, doch quasi zum Superstar der Menschen im Ort avanciert war. 


So hat Evvie zu seinen Lebzeiten nie etwas von ihrer Beziehung nach außen dringen lassen - und nach Tims Tod hatte Evvie auch mit niemanden darüber gesprochen. Auch nicht mit ihrem besten Freund Andy. Andreas Buck, der mit seinen zwei kleinen Mädchen allein zurück blieb, nachdem seine Frau Lori ihn verlassen hatte. Andy war froh, dass Evvie ihm mit seinen Töchtern Lilly und Rose zur Hand ging, ihnen Zöpfe flocht und sich um sie kümmerte, wenn er nicht da sein konnte. Alles andere kann warten. 

Doch wenn man alles andere warten lässt, wird man nicht heil - auch Evvie nicht. Als ein Freund von Andy dringend einen Rückzugsort braucht, schlägt er Evvie vor, doch Räumlichkeiten an ihn zu vermieten. Dann wäre sie in dem großen Haus nicht allein und Dean wäre auch damit geholfen.

Dean Tenney war als ehemaliger Profisportler, als Pitcher, der Presse ausgesetzt und nach dem Verlust seines Wurfarms sah er sich auf Tritt und Schritt von den Medien verfolgt. Ruhe und Abstand würden im gut tun und von seiner unfreiwilligen Erkrankung ablenken.

Die einzige Regel, die Dean und Evvie aufstellen: über die Dinge, die sie am verletzlichsten machen, ihr verstorbener Mann und sein Wurfarm, wird nicht gesprochen.

Wie gut ihnen das gelingt, wenn man sich sympathisch ist und jeden Tag und jede Nacht unter demselben Dach verbringt, ist abzusehen. Doch die Entwicklung und der Reifeprozess sind spannend zu verfolgen.


Weil alles jetzt beginnt ist ein leises Buch, ein weises Buch. Es ist wie eine Wahrheit, die unvermittelt aufgeschlagen vor mir liegt. Linda Holmes erzählt in einem ruhigen, besonnenen Schreibstil über das Leben und über die Gefangenschaft, die sich ein Mensch selbst auferlegt. Dies hat Linda Holmes wunderbar in die fiktive Geschichte von Evvie und Dean eingebunden. 

Beispielsweise Evvies Gedanken zu ihrem Status. 


"Seltsam", spann Evvie ihren Gedanken weiter, "dass ich durch meine Heirat dieses Wort an mir hängen habe und es nur wieder loswerde, wenn ich noch einmal heiraten würde. Ist dir klar, dass ich nie wieder Single sein kann? Ab jetzt gibt es bloß noch Witwe oder verheiratet." - Seite 121


Es ist schwer genug, einen geliebten Menschen zu verlieren. Aber in jungen Jahren seinen Partner zu verlieren - wie widrig die Umstände auch sind - dieser Status Witwe bleibt. - Zumindest solange bis man das Glück hat einen neuen Partner zu finden und ihn zu heiraten. Denn auch wenn man einen neuen Partner hat, ist man Witwe in einer Beziehung. Es ist erschütternd, es ist bis in den hintersten Winkel des Herzens traurig. 

Dieses Leid ist spürbar beim Lesen der Zeilen und ich leide mit Evvie. Linda Holmes gelingt durch ihren Schreibstil die Bandbreite von Evvies Gefühlen klar zum Ausdruck zu bringen. Selbst in Momenten, in denen ich mir als Leser wünsche, dass Evvie nun Glück spürt und ich daran teilhaben möchte, schafft die Autorin durch Evvies Gedankenspiel diese Gefühle auszubremsen. Genau so, wie sie auch für  Evvie ausgebremst werden, weil sie sich selbst ausbremst und noch nicht in der Lage ist, das Gute, das Schöne für sich zuzulassen. 


Ein weiteres, berührendes Thema, das Linda Holmes anspricht, ist Hilfe, die von außen kommt.


"Kann ich nur empfehlen", sagte Monica. Einer meiner Ärzte meinte mal: "Der Kopf ist das Haus, in dem wir leben, und da sollten wir uns für ein paar Reparaturarbeiten nicht zu schade sein." - Seite 321


Auch heutzutage ist das Thema Psychothearpie immer noch eher ein Tabuthema. Niemand möchte, dass andere denken, dass mit ihm "etwas nicht stimmt". Die Autorin geht sehr behutsam mit dem Thema um und macht verständlich, dass auch der Kopf durchaus auch mal Hilfe benötigt.


"Und so verhält es sich auch mit der Psychotherapie. Es geht nicht darum, ob Sie etwas auch irgendwie allein hinbekommen. - Seite 328


So gesehen muss ich Linda Holmes da recht geben. Vor allen Dingen, wenn ich mir dagegen meine handwerklichen Begabungen ansehe: da sehe ich genau, was ich "irgendwie allein hinbekomme". 


Weil alles jetzt beginnt ist ein sehr kluger Roman, der mich - mit den lebendig gezeichneten Charakteren - Höhen und vor allem auch Tiefen der Protagonisten begleiten lässt. Es ist für mich zu einem Herzensbuch geworden.