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Freitag, 19. Mai 2023

Männer sterben bei uns nicht - Annika Reich

 

Männer sterben bei uns nicht
Roman
Hanser Berlin
Autorin: Annika Reich
208 Seiten - fester Einband
ISBN 978-3-446-27587-4
220 Seiten - E-Book
ISBN 978-3-446-27736-6
erschienen am 20. Februar 2023




Männer sterben bei uns nicht ist die Geschichte von Frauen, deren Männer irgendwie abhanden gekommen sind. Es klingt nach einem gemütlichen Zusammenleben auf einem großzügigen Anwesen direkt am See. Fünf Häuser gibt es auf diesem Anwesen. Alle diese Häuser gehören Luises Großmutter. In einem davon lebt Luise mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Leni. Die Hoffnung, das Anwesen einmal weiter zu führen, liegt auf der jungen Luise. Luise, die immer bemüht ist, zu sein, wie es am besten in Großmutters Bild passt. - Alles andere wird einfach ausgeblendet. Gilt als nicht existent. 



Und genau so verschwindet eines Tages Luises ältere Schwester Leni. Leni, die ihrer kleinen Schwester Halt gibt. Leni, die alle Sorgen und Nöte versteht und immer für Luise da ist. Leni, die plötzlich nicht mehr da ist. Weil es Luise gibt. Luise, die scheinbar genau die Richtige ist.


"Ich war das Lieblingskind, aber eben nur in einer ganz bestimmten Version, nur wenn ich genau den Platz einnahm, den Großmutter für mich vorgesehen hatte." - Seite 196


Männer sterben bei uns nicht zeigt mir bereits auf den ersten Seiten, dass die Wohnlage noch so idyllisch sein kann, wenn das Zwischenmenschliche fehlt. Wenn eine familiäre Verbundenheit keine Verbundenheit garantiert. Wenn Mitgefühl aufgrund eigener Interessen gar durch Animositäten ersetzt wird. Was bleibt, ist ein verkrustetes Herz bis über den Tod hinaus. 

Annika Reich erzählt die Geschichte in einem nüchternen Tonfall. Gleichzeitig lässt sie keinen Zweifel daran, dass ihre Charaktere unter der Familiengeschichte leiden. Durch diese Erzählweise fehlt mir die emotionale Nähe zu den Charakteren. Damit ist es mir möglich, die Frauen aus der Ferne zu betrachten. Diese Frauen, deren Männer irgendwie abhanden gekommen sind und die sich selbst so wenig emotionale Nähe geben können. 


"Eure Großmutter wollte es nie wahrhaben, aber auch wir gehören dazu, wir zerrupften Rosen." "Ich gehörte nie dazu, zerrupft oder unzerrupft", sagte Olga. "Ich durfte nicht einmal ihre Stifte benutzen. Weißt du das noch, Luise? Sie räumte sie weg, wenn ich kam, sie machte die Schränke zu." - Seite 183

 

Männer sterben bei uns nicht ist für mich ein ruhiges, zum Nachdenken anregendes Leseerlebnis.


Fazit

Männer sterben bei uns nicht ist für alle, die sich nicht scheuen, verbildlicht an Luises Seite das durch die Großmutter gelebte Patriarchat zu erleben. 


Mittwoch, 1. Februar 2023

Café Leben - Jo Leevers

 

Café Leben
Roman
erschienen im Droemer Knaur Verlag
Hörbuch
Argon Hörbuch Verlag
Autorin: Jo Leevers
aus dem Englischen von Maria Hochsieder
gelesen von: Nora Jokhosha, Tanja Fornaro, Heike Warmuth
ungekürzte Lesung als Download / Streaming
Laufzeit: 9 Stunden 47 Minuten 
ISBN 978-3-7324-0516-9
veröffentlicht am 1. Oktober 2022





Café Leben erzählt die Lebensgeschichten dreier Frauen. Anfangs erfahre ich nicht viel mehr, als das, was offensichtlich ist, wenn ich einen Menschen aus der Ferne betrachte: ich registriere die Haltung, den Bewegungsablauf, die Garderobe, bestimmte Verhaltensmuster. 





Den Anfang einer näheren Bekanntschaft mache ich mit Henrietta. Henrietta Lockwood, die sich ihr Leben lang von anderen Menschen abschottet. Henrietta, die mit ihrem Hund Dave gemeinsam in einer kleinen Wohnung lebt. Henrietta, die Schwierigkeiten hat, einen Job zu halten. Ausgerechnet Henrietta bewirbt sich nun um einen Job, in dem es zwar ganz gut tut, sich selbst abzuschotten und nicht vor lauter zu Mitgefühl mitzuleiden. Es ist aber auch ein Job, in dem sie auf den Menschen, der ihr gegenübersitzt, eingehen muss. Henriettas Aufgabe besteht darin, Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, in Gesprächen über ihr Leben zu begleiten und deren Geschichte in einem Lebensbuch zusammengefasst für die Nachwelt festzuhalten. Weil jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat. 

So gerät Henrietta an ihre erste Klientin: Annie. Annie hat Krebs und auch zuvor war ihr Leben nicht glücklich verlaufen. Alles, was Annie bereit ist, Henrietta zu erzählen, klingt lückenhaft. Henriettas Ansprüchen zufolge fehlen viel zu viele Details, als dass sie aus Annies Erzählungen ein Lebensbuch schreiben könnte. Und dann sitzt Henrietta auch noch ihr Arbeitgeber mit seinen Fragebögen und Mitarbeitergesprächen im Nacken.

Jo Leevers macht die Annäherungen der beiden zurückhaltenden Frauen bildlich und greifbar. So unterschiedlich Henrietta und Annie auch sein mögen, so präsent ist bei beiden Frauen der Schmerz des bisher erlebten Lebens. Beide Frauen haben Verluste erlitten. Beide Frauen hadern mit den Umständen. Beide Frauen haben sich eingeigelt und versucht, mit ihrem Schicksal ganz allein klar zu kommen. Mit wem sollten sie das auch alles besprechen?

Café Leben erzählt von der Hilflosigkeit dieser Frauen, die die Lebensumstände mit sich bringen. Von der eigenen Machtlosigkeit und der Machtlosigkeit des Umfelds. Café Leben erzählt von Scham und davon, dass es einfacher ist, Dinge totzuschweigen, als zu benennen und auszusprechen. Und es erzählt davon, dass wenn über diese Dinge nicht gesprochen wird, für manche ein echtes, wirkliches Leben gar nicht möglich ist.

Die Themen wirken - klar benannt - vielleicht bedrückend. Doch Café Leben ist mit der Aufarbeitung der Lebensgeschichte so lebendig und bildhaft geschrieben, dass ich das Hörbuch am liebsten an einem Stück gehört hätte. Es war spannend zu verfolgen, wie sich die Details der Lebensgeschichten schlussendlich zusammenfügten. 

Die Hörbuchsprecherinnen Nora Jokhosha, Tanja Fornaro und Heike Warmuth haben der jeweiligen Figur mit ihren Stimmen den notwendigen Nachdruck verliehen. Anhand der Stimme konnte ich immer gleich erkennen, wenn es einen Perspektivwechsel gab und in welcher Stimmung sich die Erzählende gerade befand. War Annie beispielsweise aufgeregt, bekam die Stimme einen helleren Klang. Ich hatte stets das Gefühl, dass ich direkt dabei war. Ich saß im Café, bei den Eltern, im Zug. Ich sah durch Henriettas Augen und fühlte mit Annie mit. 

Es fällt mir schwer, mich von diesen Frauen zu trennen, da das Hörbuch nun zu Ende ist. Und doch hatte ich mir zum Schluss nichts sehnlicher gewünscht, als die Handlungen und Beweggründe dieser Frauen zu verstehen und hatte die Auflösung herbeigesehnt. 


Fazit

Café Leben ist für alle, die gern Schicksalsromane lesen und an Menschen und deren Leben interessiert sind. Es geht um Trauer, ums Loslassen und darum, sich selbst ein Leben zu gestatten. 


Bonus

Auf der Seite vom Verlag Droemer Knaur habe ich für Euch ein informatives und zugleich spannendes und sehr ehrliches Interview mit Jo Leevers entdeckt. Viel Spaß beim Lesen! 

Donnerstag, 5. März 2020

Die Jahre - Annie Ernaux


Die Jahre
Hörspiel
Annie Ernaux
hr2 Kultur
DAV - Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-1032-0
1 CD mit Booklet - Laufzeit: 1 h 18 Minuten
Sprecherinnen: Birte Schnöink, Constanze Becker, Corinna Harfouch, Nicole Heesters
Regie und Hörspielbearbeitung: Luise Voigt
Komposition: Björn SC Deigner



Annie Ernaux - Die Jahre - DAV



Annie Ernaux ist am 1. September 1940 geboren. In diesem autobiografischen Roman, der 2017 im Suhrkamp Verlag erschien, erinnert jedoch kaum etwas an die Form einer Biografie.

Erinnerungsfetzen und Zitate, Bildbeschreibungen und mit Musik unterlegte einzelne Begriffe, laden den Leser, und in diesem Fall in der Hörbuchversion, den Hörer ein, auf eine Zeitreise zu gehen.

Annie Ernaux spricht nicht in der Ich-Form wenn sie erzählt, sondern nutzt das "Wir". Und schon befinden wir uns auf einer persönlich anmutenden Reise durch die Jahrzehnte einer ganzen Gesellschaft.




Nach diesem Hörspiel verlangte es mir nach Gesellschaft



Dieses Hörspiel entstand anhand der Buchvorlage der Originalausgabe Les années in der Übersetzung Die Jahre von Annie Ernaux. - Wenn Sie es hören: schnappen Sie sich Ihr Lieblingsgetränk, machen Sie es sich bequem und lauschen dem Leben einer ganzen Generation in nur 78 Minuten.

Wer hier annimmt, er würde dem Text gleich einem Hörbuch von Die Jahre begegnen, geht fehl. In dieser Hörspielversion bekommt der Hörer das Gefühl für eine gesamte Generation, einem Zeitraum von 60 Jahren, mit Worten aus Erinnerungsfetzen und passenden, typischen Geräuschen direkt ins heimische Wohnzimmer.

Regie für dieses Hörspiel führte Luise Voigt, die gemeinsam mit dem hier verantwortlichen Komponisten Björn SC Deigner eine großartige Umsetzung des Ansinnens von Annie Ernaux vollbracht hat. Gemeinsam mit vier Hörbuchsprecherinnen, die mit ihren Stimmen für ein ganz besonderes Hörerlebnis sorgen. Nicole Heesters, Corinna Harfouch, Constanze Becker und Birte Schnöink unterstützen stimmlich die Begebenheiten in der Erzählung von Annie Ernaux und lassen mich als Hörer erleben, wie das Gefühl in der Zeit und in dem Alter der Erzählerin gewesen sein mochte. Die Stimmen, die Geräusche, die Musik tragen dazu bei, das ich verstehe, wovon Annie Ernaux hier erzählt. Ob ich es selbst erlebt habe oder aus Erzählungen weiß, spielt dabei keine Rolle. In dieser Interpretation erlebe ich es.

So, wie für uns das Leben mal in geordneten, ruhig zu erzählenden Phasen verläuft und sich mit temporeichen, wild durcheinanderwirbelnden Ereignissen abwechselt, genauso werden die Ereignisse und Dinge der gesellschaftlichen Entwicklung der Jahre 1945 bis 2007 wiedergegeben. Und zwar mit allem, was geschieht: ein Familienessen, eine Fahrt mit der Bahn, Gesprächsfetzen, Zitaten, Witzen.
Es sind intime Erinnerungen und Sinnsprüche, an die man sich eher erinnert, als an den Menschen, der dies einmal gesagt hat. Und auch wir kennen diese Sinnsprüche. Ich ertappe mich beim Hören dabei, wie ich schmunzelnd da sitze, ob des Wiedererkennungswertes und melancholisch zurückblicke, weil ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Ich habe das schon einmal erlebt, was Annie Ernaux in ihrem Werk Die Jahre schildert.

"Eine Frau kann nur Ruhm erlangen, wenn sie ihr Glück zu Grabe trägt."

Und es sind die Erinnerungen, die einem den Platz in der Welt zuweisen. - Das spüre ich ganz deutlich beim Hören dieses Hörspiels. Mehr als einmal habe ich es selbst in der Vergangenheit erlebt.

Es ist die Beschreibung eines Mädchens, aufgewachsen in einer Kleinstadt, Gedanken über Werbung, Klassenkameraden und das Miteinander oder Gegeneinander. Jungen und Mädchen waren getrennt - das habe ich zwar nicht mehr miterlebt - jedoch dass Mädchen ständig ermahnt wurden, ruhiger zu sein und es den Jungs in der Wildheit nicht gleichtun sollen. Das habe ich erlebt!

So ist, denke ich, für jeden eine Erinnerung, ein Gefühl, dabei. In dieser nicht autobiografischen Form wird das Leben einer bestimmten Generation erzählt.

"Man ist nicht allein und lebt dieses Leben in dieser Zeit." - Annie Ernaux

Und jetzt ist es an Ihnen: Wie werden wir, wie wir sind? - Das ist die Frage, die der Audio Verlag DAV bei dieser Gelegenheit stellt.


Fazit


Ich habe dieses Hörspiel sehr genossen. Wer Lust hat, sich auf Annie Ernausx Experiment der Erzählung einer Generation einzulassen und das in einem ungewöhnlichen Ambiente des Zusammenspiels verschiedener Stimmen, Geräusche und Musik erleben möchte, dem kann ich zu diesem Abenteuer des Lebens raten.