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Mittwoch, 1. Februar 2023

Café Leben - Jo Leevers

 

Café Leben
Roman
erschienen im Droemer Knaur Verlag
Hörbuch
Argon Hörbuch Verlag
Autorin: Jo Leevers
aus dem Englischen von Maria Hochsieder
gelesen von: Nora Jokhosha, Tanja Fornaro, Heike Warmuth
ungekürzte Lesung als Download / Streaming
Laufzeit: 9 Stunden 47 Minuten 
ISBN 978-3-7324-0516-9
veröffentlicht am 1. Oktober 2022





Café Leben erzählt die Lebensgeschichten dreier Frauen. Anfangs erfahre ich nicht viel mehr, als das, was offensichtlich ist, wenn ich einen Menschen aus der Ferne betrachte: ich registriere die Haltung, den Bewegungsablauf, die Garderobe, bestimmte Verhaltensmuster. 





Den Anfang einer näheren Bekanntschaft mache ich mit Henrietta. Henrietta Lockwood, die sich ihr Leben lang von anderen Menschen abschottet. Henrietta, die mit ihrem Hund Dave gemeinsam in einer kleinen Wohnung lebt. Henrietta, die Schwierigkeiten hat, einen Job zu halten. Ausgerechnet Henrietta bewirbt sich nun um einen Job, in dem es zwar ganz gut tut, sich selbst abzuschotten und nicht vor lauter zu Mitgefühl mitzuleiden. Es ist aber auch ein Job, in dem sie auf den Menschen, der ihr gegenübersitzt, eingehen muss. Henriettas Aufgabe besteht darin, Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, in Gesprächen über ihr Leben zu begleiten und deren Geschichte in einem Lebensbuch zusammengefasst für die Nachwelt festzuhalten. Weil jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat. 

So gerät Henrietta an ihre erste Klientin: Annie. Annie hat Krebs und auch zuvor war ihr Leben nicht glücklich verlaufen. Alles, was Annie bereit ist, Henrietta zu erzählen, klingt lückenhaft. Henriettas Ansprüchen zufolge fehlen viel zu viele Details, als dass sie aus Annies Erzählungen ein Lebensbuch schreiben könnte. Und dann sitzt Henrietta auch noch ihr Arbeitgeber mit seinen Fragebögen und Mitarbeitergesprächen im Nacken.

Jo Leevers macht die Annäherungen der beiden zurückhaltenden Frauen bildlich und greifbar. So unterschiedlich Henrietta und Annie auch sein mögen, so präsent ist bei beiden Frauen der Schmerz des bisher erlebten Lebens. Beide Frauen haben Verluste erlitten. Beide Frauen hadern mit den Umständen. Beide Frauen haben sich eingeigelt und versucht, mit ihrem Schicksal ganz allein klar zu kommen. Mit wem sollten sie das auch alles besprechen?

Café Leben erzählt von der Hilflosigkeit dieser Frauen, die die Lebensumstände mit sich bringen. Von der eigenen Machtlosigkeit und der Machtlosigkeit des Umfelds. Café Leben erzählt von Scham und davon, dass es einfacher ist, Dinge totzuschweigen, als zu benennen und auszusprechen. Und es erzählt davon, dass wenn über diese Dinge nicht gesprochen wird, für manche ein echtes, wirkliches Leben gar nicht möglich ist.

Die Themen wirken - klar benannt - vielleicht bedrückend. Doch Café Leben ist mit der Aufarbeitung der Lebensgeschichte so lebendig und bildhaft geschrieben, dass ich das Hörbuch am liebsten an einem Stück gehört hätte. Es war spannend zu verfolgen, wie sich die Details der Lebensgeschichten schlussendlich zusammenfügten. 

Die Hörbuchsprecherinnen Nora Jokhosha, Tanja Fornaro und Heike Warmuth haben der jeweiligen Figur mit ihren Stimmen den notwendigen Nachdruck verliehen. Anhand der Stimme konnte ich immer gleich erkennen, wenn es einen Perspektivwechsel gab und in welcher Stimmung sich die Erzählende gerade befand. War Annie beispielsweise aufgeregt, bekam die Stimme einen helleren Klang. Ich hatte stets das Gefühl, dass ich direkt dabei war. Ich saß im Café, bei den Eltern, im Zug. Ich sah durch Henriettas Augen und fühlte mit Annie mit. 

Es fällt mir schwer, mich von diesen Frauen zu trennen, da das Hörbuch nun zu Ende ist. Und doch hatte ich mir zum Schluss nichts sehnlicher gewünscht, als die Handlungen und Beweggründe dieser Frauen zu verstehen und hatte die Auflösung herbeigesehnt. 


Fazit

Café Leben ist für alle, die gern Schicksalsromane lesen und an Menschen und deren Leben interessiert sind. Es geht um Trauer, ums Loslassen und darum, sich selbst ein Leben zu gestatten. 


Bonus

Auf der Seite vom Verlag Droemer Knaur habe ich für Euch ein informatives und zugleich spannendes und sehr ehrliches Interview mit Jo Leevers entdeckt. Viel Spaß beim Lesen! 

Samstag, 10. September 2022

Lügen über meine Mutter - Daniela Dröscher


Lügen über meine Mutter
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (KiWi)
Autorin: Daniela Dröscher
448 Seiten
ISBN 978-3-46-00199-0
Lesung: ungekürzt
Sprecherin: Sandra Voss
ISBN 978-3-7324-5953-7
Download 
Laufzeit 11 Stunden 41 Minuten
Buch und Hörbuch veröffentlicht am 18. August 2022
 





Lügen über meine Mutter ist die fiktive Geschichte einer Familie in den 1980er Jahren. Und für mich fühlt es sich an, wie eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung der Autorin an die eigene Mutter. Einer Mutter, die aus Kinderaugen vielleicht nicht immer gerecht, aber immer wahrhaftig agiert.





Daniela Dröscher erzählt die Geschichte, als wäre sie ihr genau so selbst passiert. Mit allen Erinnerungen an ein familiäres Zusammenleben. Im privaten, im geheimen und in dem Leben, das der Vater, das Oberhaupt der Familie, gern nach außen projiziert hätte. Da er aber immer im gefühlt  "dicken" Schatten seiner Frau steht, ist ihm das nicht möglich. Das einzige, was ihm möglich erscheint, ist, seine Frau zu drangsalieren und über ihr Gewicht zu bestimmen. 

Daniela Dröscher erzählt einfühlsam mit großer Empathie die Geschichte ihrer Mutter und damit die Geschichte ihrer Kindheit. Die Geschichte ist fiktiv, auf Grundlage eigener Erlebnisse und Verständnisse in der Kindheit gepaart mit dem zurückblickenden Wissen als Erwachsene.

Lügen über meine Mutter ist so warm und wahr erzählt, dass es während des Lesens bereits zu einem meiner Lieblingsbücher geworden ist. Es ist einfach für mich, dem Geschehen in der Geschichte zu folgen. Ich weiß, wie es sich anfühlt in dieser Zeit, in den 1980er Jahren als Kind heranzuwachsen. Ich weiß, aus der selben Position wie Daniela Dröscher, wie es sich anfühlt, die Rolle der erwachsenen Frau mit Kindesaugen zu sehen. Frauen, die selbstbewusst ihre eigenen Wege gehen und von ihrem Mann unterstützt zu werden. Und Frauen, die versuchen, selbstbewusst ihren selbstbestimmten Weg zu gehen und unter der Last der Meinung der Gesellschaft und im familiären Zusammenleben scheitern. Wie Frauen, dem Gefühl nachgeben, genügen zu müssen, sich fügen zu müssen, um die harmonische familiäre Welt zu erhalten. 

Lügen über meine Mutter ist für mich ein wichtiges Stück Geschichte in unserer Geschichte. 

Sandra Voss liest Lügen über meine Mutter so ausdrucksstark und empathisch, als würde sie die Geschichte selbst erzählen. Authentisch und nah am Geschehen. Vielen Dank! 


Fazit

Lügen über meine Mutter ist für alle, die in 1980er Jahren als Kind oder erwachsene Person gelebt haben oder sich in diese Zeit und das Geschehen einfühlen möchten. Ein Geschenk fürs Verständnis und das Zusammenleben miteinander. 


Bonus

Für alle, die mehr über die Autorin Daniela Dröscher erfahren möchten, empfehle ich das Interview auf SWR 1.

Donnerstag, 5. März 2020

Die Jahre - Annie Ernaux


Die Jahre
Hörspiel
Annie Ernaux
hr2 Kultur
DAV - Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-1032-0
1 CD mit Booklet - Laufzeit: 1 h 18 Minuten
Sprecherinnen: Birte Schnöink, Constanze Becker, Corinna Harfouch, Nicole Heesters
Regie und Hörspielbearbeitung: Luise Voigt
Komposition: Björn SC Deigner



Annie Ernaux - Die Jahre - DAV



Annie Ernaux ist am 1. September 1940 geboren. In diesem autobiografischen Roman, der 2017 im Suhrkamp Verlag erschien, erinnert jedoch kaum etwas an die Form einer Biografie.

Erinnerungsfetzen und Zitate, Bildbeschreibungen und mit Musik unterlegte einzelne Begriffe, laden den Leser, und in diesem Fall in der Hörbuchversion, den Hörer ein, auf eine Zeitreise zu gehen.

Annie Ernaux spricht nicht in der Ich-Form wenn sie erzählt, sondern nutzt das "Wir". Und schon befinden wir uns auf einer persönlich anmutenden Reise durch die Jahrzehnte einer ganzen Gesellschaft.




Nach diesem Hörspiel verlangte es mir nach Gesellschaft



Dieses Hörspiel entstand anhand der Buchvorlage der Originalausgabe Les années in der Übersetzung Die Jahre von Annie Ernaux. - Wenn Sie es hören: schnappen Sie sich Ihr Lieblingsgetränk, machen Sie es sich bequem und lauschen dem Leben einer ganzen Generation in nur 78 Minuten.

Wer hier annimmt, er würde dem Text gleich einem Hörbuch von Die Jahre begegnen, geht fehl. In dieser Hörspielversion bekommt der Hörer das Gefühl für eine gesamte Generation, einem Zeitraum von 60 Jahren, mit Worten aus Erinnerungsfetzen und passenden, typischen Geräuschen direkt ins heimische Wohnzimmer.

Regie für dieses Hörspiel führte Luise Voigt, die gemeinsam mit dem hier verantwortlichen Komponisten Björn SC Deigner eine großartige Umsetzung des Ansinnens von Annie Ernaux vollbracht hat. Gemeinsam mit vier Hörbuchsprecherinnen, die mit ihren Stimmen für ein ganz besonderes Hörerlebnis sorgen. Nicole Heesters, Corinna Harfouch, Constanze Becker und Birte Schnöink unterstützen stimmlich die Begebenheiten in der Erzählung von Annie Ernaux und lassen mich als Hörer erleben, wie das Gefühl in der Zeit und in dem Alter der Erzählerin gewesen sein mochte. Die Stimmen, die Geräusche, die Musik tragen dazu bei, das ich verstehe, wovon Annie Ernaux hier erzählt. Ob ich es selbst erlebt habe oder aus Erzählungen weiß, spielt dabei keine Rolle. In dieser Interpretation erlebe ich es.

So, wie für uns das Leben mal in geordneten, ruhig zu erzählenden Phasen verläuft und sich mit temporeichen, wild durcheinanderwirbelnden Ereignissen abwechselt, genauso werden die Ereignisse und Dinge der gesellschaftlichen Entwicklung der Jahre 1945 bis 2007 wiedergegeben. Und zwar mit allem, was geschieht: ein Familienessen, eine Fahrt mit der Bahn, Gesprächsfetzen, Zitaten, Witzen.
Es sind intime Erinnerungen und Sinnsprüche, an die man sich eher erinnert, als an den Menschen, der dies einmal gesagt hat. Und auch wir kennen diese Sinnsprüche. Ich ertappe mich beim Hören dabei, wie ich schmunzelnd da sitze, ob des Wiedererkennungswertes und melancholisch zurückblicke, weil ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Ich habe das schon einmal erlebt, was Annie Ernaux in ihrem Werk Die Jahre schildert.

"Eine Frau kann nur Ruhm erlangen, wenn sie ihr Glück zu Grabe trägt."

Und es sind die Erinnerungen, die einem den Platz in der Welt zuweisen. - Das spüre ich ganz deutlich beim Hören dieses Hörspiels. Mehr als einmal habe ich es selbst in der Vergangenheit erlebt.

Es ist die Beschreibung eines Mädchens, aufgewachsen in einer Kleinstadt, Gedanken über Werbung, Klassenkameraden und das Miteinander oder Gegeneinander. Jungen und Mädchen waren getrennt - das habe ich zwar nicht mehr miterlebt - jedoch dass Mädchen ständig ermahnt wurden, ruhiger zu sein und es den Jungs in der Wildheit nicht gleichtun sollen. Das habe ich erlebt!

So ist, denke ich, für jeden eine Erinnerung, ein Gefühl, dabei. In dieser nicht autobiografischen Form wird das Leben einer bestimmten Generation erzählt.

"Man ist nicht allein und lebt dieses Leben in dieser Zeit." - Annie Ernaux

Und jetzt ist es an Ihnen: Wie werden wir, wie wir sind? - Das ist die Frage, die der Audio Verlag DAV bei dieser Gelegenheit stellt.


Fazit


Ich habe dieses Hörspiel sehr genossen. Wer Lust hat, sich auf Annie Ernausx Experiment der Erzählung einer Generation einzulassen und das in einem ungewöhnlichen Ambiente des Zusammenspiels verschiedener Stimmen, Geräusche und Musik erleben möchte, dem kann ich zu diesem Abenteuer des Lebens raten.